Sterben gehört zum Leben

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Erfahrungsbericht

Mein letzter Einsatz begann kurz vor Weihnachten. Mit meiner Familie wollte ich den Heiligen Abend und den ersten Feiertag bei meiner Mutter in der Nähe von Oranienburg verbringen. Gerade sind wir bei den letzten Einkäufen, beim Kuchenbacken und Geschenke einpacken. Mitten in Trubel und Küchenarbeit klingelt das Telefon. „Hallo, hier ist Heike.“

Das ist der Satz, bei dem ich immer sofort hellwach bin. Heike Borchardt ist die Koordinatorin des Hospizdienstes, bei dem ich seit fünf Jahren als Ehrenamtliche tätig bin. Ich begleite Menschen in ihren letzten Lebenswochen oder letzten Lebenstagen, stehe ihnen und ihren Familien zur Seite oder bin für Menschen da, die keine Familie mehr haben. Mit so einem Anruf von Heike begannen fast alle Begleitungen, die ich gemacht habe. Heike schildert mir, wer den Hospizdienst gerufen hat und wen wir begleiten sollen. Eine Frau, Anfang 60, die seit zwei Wochen auf der neuen Palliativstation im Klinikum liegt. Sie ist verwitwet, hat ihren Mann viele Jahre gepflegt. Ohne Familie ist sie nicht, sie hat zwei Töchter, die schon verheiratet sind. Aber Weihnachten im Krankenhaus sein, mit ihrer schweren Erkrankung, das behagt ihr überhaupt nicht. Sie wünscht sich einen Menschen, mit dem sie reden, ein paar Stunden verbringen kann. – Das kann ich gut verstehen. Aber was wird meine Familie sagen? Ich bin gerne in meinem Ehrenamt, ich möchte gerne für sie da sein. „Du entscheidest“, sagt Heike, „es ist überhaupt kein Problem, wenn du nicht zusagst, frage ich jemand anderen.“ Doch, ich möchte, und wir einigen uns, dass ich meinen ersten Besuch am 2.Weihnachtsfeiertag machen werde. Wenn Frau F. und ich uns gut verstehen, kann daraus eine Begleitung über viele Monate werden.

Bei meinem ersten Besuch sitzt Frau F. mit ihrer Tochter im schönen Aufenthaltsraum der Palliativstation. Es gibt Kaffee und Kuchen, leise spielt weihnachtliche Musik. Die diensthabende Schwester macht uns bekannt, ich setze mich zu den beiden. Frau F. erzählt von ihrer Erkrankung, in den letzten Wochen sind die Beschwerden viel schlimmer geworden. Wir sprechen darüber, wie lange sie voraussichtlich noch auf dieser Station sein wird und wann ich sie besuchen kann. Ihre Tochter und ich wollen uns miteinander abstimmen, wir tauschen unsere Telefonnummern aus. Schließlich kommt auch noch eine Nachbarin von Frau F. zu Besuch. Die drei haben sich viel zu erzählen. Ich verabschiede mich und verabrede mit Frau F. meinen nächsten Besuch. Während ich im Fahrstuhl nach unten fahre, denke ich darüber nach, was Frau F. jetzt wohl am meisten vermissen könnte, was sie von mir erwartet, wie ich für sie da sein kann. Wir verstehen uns, die „Chemie“ stimmt. Ich kann mir gut vorstellen, sie längere Zeit zu begleiten. Mal sehen, ob sie das auch so empfindet.

In der folgenden Woche telefonieren wir fast jeden Tag miteinander. Zweimal besuche ich sie. Wir lernen uns kennen. Frau F. erzählt mir von ihren beiden Töchtern, von ihrem Mann und von seiner langen Krankheit. Ich bin beeindruckt, wie sie mit ihren Sorgen umgeht. Am Neujahrstag sitzen wir mit den diensthabenden Schwestern bei Kaffee und Kuchen im Aufenthaltsraum, alle schwärmen noch von der kleinen Silvesterfeier. Frau F. und ich werden noch oft beieinander sein, ich freue mich auf die lange Zeit der Begleitung, die vor uns liegt.

Hoffnung

In der ersten Januarwoche gehen wir gemeinsam über den Flur der Palliativstation. Frau F. übt das Laufen mit dem Rollator, den sie gerade bekommen hat. Trotz dieser Unterstützung fällt ihr jeder Schritt schwer. Ihre Krankheit bereitet ihr Sorgen. „Bei Ihnen kann ich das ja sagen.“ – Ja, das kann sie, mittlerweile weiß sie, dass sie mich nicht schonen muss, dass ich auch mit Ängsten und Tränen umgehen kann. Wir sprechen über ihren großen Schreck im Dezember, als sie sich von einem Tag auf den anderen plötzlich nicht mehr bewegen konnte. Zu ihrer großen Erleichterung konnten die Ärzte diese schweren Symptome lindern. Nun hat sie Hoffnung, dass sie sich bald wieder selbständig bewegen, ihren kleinen Haushalt führen kann. Sie wünscht sich sehr, dass sie wieder nach Hause kann, in das kleine Häuschen, in dem sie mit ihrem Mann gelebt hat. Ich höre ihr zu, stelle Fragen, überlege mit ihr.

Jeden zweiten Tag telefonieren wir, dann erzählt sie mir, wie die Vorbereitungen für ihre Entlassung vorangehen. Sie hat viel Unterstützung, ihre Tochter, ihr Enkelsohn, die Sozialarbeiterin der Palliativstation. Ein Pflegedienst soll mit einbezogen werden. Auch die Nachbarn in der kleinen Siedlung haben Hilfe angeboten. Aber die Türen in ihrem Haus sind viel zu eng für den Rollator oder einen Rollstuhl. Ihr Bad und ihr Schlafzimmer liegen im ersten Stock und sind für sie nicht mehr zu erreichen. Wie soll sie das alles bewältigen? Und was wird in den Stunden, in denen sie auf sich allein gestellt ist? Deutlich spüre ich hinter all dem geschäftigen Organisieren und Planen ihre Angst, wie ihr Leben jetzt weitergehen wird. Sie vermeidet es, darüber zu sprechen, aber manchmal kreuzen sich unsere Blicke.

Was sein muss, muss eben sein

Plötzlich geht es Frau F. schlechter. Sie ist müde, kraftlos, kann ihre Beine kaum noch bewegen. Immer deutlicher ist zu sehen, dass ihr Traum, nach Hause zu kommen, sich nicht erfüllen lässt. Wenigstens jetzt nicht. Die Ärzte, die Schwestern, die Sozialarbeiterin, alle überlegen, wie man ihr helfen kann. Jemand macht Frau F. den Vorschlag, dass sie in ein stationäres Hospiz umziehen könnte. Mit diesem Vorschlag kann sie sich anfreunden, aber das stationäre Hospiz für die Stadt Potsdam ist in Lehnin. Viel zu weit entfernt für die Besuche der Tochter, die in Schichtarbeit ist. In dieser Notlage erklärt sich das Hospiz am Wannsee bereit, Frau F. aufzunehmen. Sobald ein Zimmer frei ist, kann sie einziehen. Frau F. bestellt den Notar ins Krankenhaus, gemeinsam mit ihrer Tochter regelt sie ihre Dinge. Wieder bewundere ich sie, wie sie sich ihrem Leben stellt. „Es hilft ja nichts.“, sagt sie. „Was sein muss, muss eben sein.“ Mehr sagt sie darüber nicht. Als ich ihr vorschlage, vom Hospiz aus hin und wieder mit ihr in ihr Haus zu fahren, damit sie für ein, zwei Stunden in ihrer gewohnten Umgebung ist, damit sie im Frühjahr sehen kann, wie die Krokusse wachsen – da schüttelt sie ganz energisch den Kopf. Kein Wort, aber unsere Blicke kreuzen sich.

Sie wollten doch, dass wir Sie anrufen...

Dass Frau F. nicht mehr auf der Palliativstation liegt, erfahre ich am Telefon. Ich rufe Frau F. auf dem Handy an, so, wie wir es inzwischen häufig machen. Sie nimmt das Gespräch an, aber nachdem ich sie begrüßt habe, vergeht viel Zeit, bis sie mir mühsam antwortet. Ich spreche langsamer, deutlicher, trotzdem reagiert sie kaum auf meine Fragen. Kurz darauf wähle ich die Nummer der diensthabenden Schwester der Palliativstation. Sie sagt mir, dass Frau F. am Wochenende ins Wannsee-Hospiz verlegt wurde und gibt mir die Telefonnummer der Stationsschwester. Wenn ich Frau F. besuche, soll ich sie unbedingt von allen grüßen, die ganze Station denkt an sie. – Aber von der Schwester im Wannsee-Hospiz erfahre ich, dass das Befinden von Frau F. sich rapide verschlechtert hat. Natürlich darf ich kommen, um sie zu besuchen, jederzeit. Am nächsten Vormittag sitze ich an ihrem Bett. Sie hat die Augen geschlossen, liegt ganz entspannt. Ihr schön eingerichtetes helles Zimmer nimmt sie nicht mehr wahr. Ich rede mit ihr, so, wie wir oft miteinander geredet haben. Ich bin sicher, sie hört mich. Drei Stunden sitze ich neben ihr, manchmal kommt die Schwester herein, sieht nach Frau F. oder bringt mir Kaffee. Bevor ich gehe, verabrede ich meinen nächsten Besuch und bitte darum, dass ich angerufen werde, wenn es ihr noch schlechter gehen sollte.

Am Nachmittag um 14 Uhr bin ich wieder zu Hause, um 15 Uhr klingelt mein Telefon. „Sie wollten, dass wir Sie anrufen…“ Ja, das wollte ich. Mein Freund hat am nächsten Tag Geburtstag, ich regele die nötigsten Dinge, koche Mittagessen für meinen Sohn. Keine Zeit, um Geburtstagskuchen zu backen, keine Zeit, um einzukaufen. Ich weiß, dass ich jetzt meine Koordinatorin anrufen könnte und darum bitten, dass sie eine andere Ehrenamtliche sucht, die für mich am Bett von Frau F. sitzt. Aber das möchte ich nicht. Das weiß ich ganz klar, ich möchte jetzt bei ihr sein, ich möchte sie in ihren letzten Stunden begleiten.

Danke, dass Sie gekommen sind

Am Bett von Frau F. sitzt ihre Tochter. Sie steht auf, kommt mir entgegen. „Danke, dass Sie gekommen sind!“ Wir umarmen uns, obwohl wir uns heute erst zum zweiten Mal sehen. Frau F. liegt ganz ruhig, ihr Gesicht ist entspannt, ihr Atem geht etwas ungleichmäßig. Ich ermutige die Tochter, ihre Mutter zu berühren. „Sie spürt Sie ganz deutlich, Ihre Hände, Ihr Streicheln, das tut ihr gut. Sie hört auch alles. Was Sie ihr vielleicht noch sagen wollen, können Sie ihr jetzt sagen.“ Vorsichtig greift die Tochter nach der Hand ihrer Mutter, streichelt ihre Arme. Ruhig und freundlich spricht sie mit ihr. Ich biete ihr an, aus dem Zimmer zu gehen, damit sie mit ihrer Mutter alleine sein kann. „Mir ist lieber, wenn Sie bei mir im Zimmer bleiben.“

Dann sitzen wir beide am Bett von Frau F. Die Stunden vergehen. Ich frage die Tochter nach ihrer Kindheit mit Mutter und Vater und Schwester in dem kleinen Haus. Sie erzählt leise, viele Erinnerungen an das Leben mit ihrer Mutter. Manchmal hält sie ihr die Hand, manchmal streichelt sie sie oder spricht mit ihr. Die Schwester kommt hin und wieder, sieht nach Frau F. Manchmal geht eine von uns nach draußen, zur Toilette oder um Kaffee zu holen. Alleine lassen wir Frau F. nie. Kurz nach Mitternacht rufe ich vom Aufenthaltsraum aus meinen Freund an und gratuliere ihm zum Geburtstag. Er hat wirklich darauf gewartet, dass ich ihn anrufe. Niemand weiß, wie lang diese Nacht für uns noch sein wird.

Kurz nach 1 Uhr stirbt Frau F. Wir sehen lange in ihr entspanntes Gesicht. Dann fassen wir uns an den Händen, umarmen uns. Ein ganz besonderer, ein heiliger Moment. Wir sagen lange kein Wort.

Auf dem Heimweg im Auto denke ich an Frau F. Sie ist ihren Weg zu Ende gegangen, auf ihre Weise. Es ist der 19.Januar, eine eiskalte Nacht, die Autos am Straßenrand sind weiß bereift. Ich muss dringend ins Bett, hoffentlich kann ich einschlafen. Morgen früh um 10 Uhr ist die Abschiedsfeier. Die Tochter von Frau F. hat mich eingeladen, dabei zu sein.


Dagmar Scharsich,
ehrenamtliche Mitarbeiterin des Hospiz- und Palliativberatungsdienst Potsdam

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